Digital Kids – wie viel ist zu viel?

Seit ein paar Monaten setze ich mich mit dem Thema „Kinder und Digitalisierung“ auseinander. Meine große Tochter ist jetzt acht Jahre alt, die kleine fünf. Meine Frau Jule, die Kinder und ich wohnen im katholischen Sprengel Hessens, bald ist Kommunion – und hier kommt die Preisfrage: Welches ist das sozial erwartete Standardgeschenk für die Kommunarden? Richtig, nichts brauchen Neunjährige offenbar so dringend wie ein eigenes Smartphone.

Es gibt etliche Dinge, die meiner Frau und mir deutlich wichtiger sind als permanent und mobil online zu sein. Freilich profitieren wir von ausgemusterten iPhones meiner technikaffinen Schwester, messen den in die Jahre gekommenen Notebooks, Fernseher etc. keine große Bedeutung bei. Die neueste technische Volte ist uns herzlich egal, genießen aber durchaus die Vorzüge: Routenplanung und Sprachübersetzer im Urlaub, Wetter-App – alles gut und auch berechtigt.

Ansonsten sehen wir die vielbeschworenen technischen Möglichkeiten sehr kritisch. Meine Frau höre ich klagen, wie end-, sinn- und ziellos in WhatsApp-Gruppen kommuniziert werde und daß ihre schneidernde Schwester mal wieder um Facebook-Daumen giert – irgendwie egal, wenngleich trotzdem nervig. Aber um die Eltern soll es hier nun nicht grade gehen, sondern um unsere Kinder. Wie lange können wir sie und sollen wir sie fernhalten von diesen Realitätszerstörern? Und dürfen wir das überhaupt? Ist es nicht vielmehr unsere Pflicht, IT-fähige Kinder heranzuziehen?

Ablenkung, beispielsweise durch die Signale des Smartphones, scheint dumm zu machen – denn der Kopf braucht wohl mindestens eine Viertelstunde Aufwärmphase, bis er sich voll und ganz der Lösung eines Problems widmen kann.

Dann trafen sich vier Dinge in meinem Leben, nahezu zeitgleich. Zum ersten ein kompakt ausschauender und gradlinigst dreinblickender Kripo-Beamter, der an unserer dörflichen Grundschule mit den Kindern ein Projekt zur Gewaltprävention absolviert hatte und nun den hiesigen Eltern die Ergebnisse vorstellte und festigende Übungen erprobte. In einer offenen Fragerunde verglich der aus Stahl gehärtete Mann WhatsApp und Facebook mit „Crack“, also einer hochgradig abhängig machenden und zerstörerischen Droge. Er riet dringend davon ab, Kindern Smartphones in die Hand zu drücken und sie eigenmächtig und widerrechtlich zum Beispiel WhatsApp (Mindestalter der Nutzer: 16 Jahre) nutzen zu lassen.

Zweiter Impuls war ein FDP-Vorsitzender, der schlagzeilenträchtig verkündete, Programmieren müsse nunmehr Pflichtfach an Schulen sein. Aha!

Drittens ein Interview mit einem Ulmer Neurowissenschaftler, der Studien anführte, nach denen der schulische Lernerfolg deutlich sank nach der Einführung von Tablets anstatt Büchern und der Perfektionierung des Wischfingers anstatt der Fähigkeit, Stifte gescheit halten zu können (also nicht mit der Faust, sondern mit Daumen und Zeigefinger).

Viertens und letztens die Bekanntschaft eines auf einer Zugfahrt kennengelernten Professors für Informatik, der sein eigenes Fach sportlich von der soziologischen Seite umkrempelte, quasi: Was machen WhatsApp und Facebook mit uns, was wir gar nicht wollen und warum nehmen wir das so hin? Seine Kernthese lautete, dass diese Kommunikationstechniken uns Taktungen aufnötigen, die es allen sehr schwer machen, sich tiefgründig in Probleme zu versenken und diese kreativ zu bearbeiten. Der Kopf brauche etwa 15-20 Minuten, um nach einer Aufwärmphase zupackende Lösungen zu ersinnen – macht es in die diesem Zeitraum jedoch dreimal „Ping“ oder „Zwosch“ war’s das mit dem Kuss der Musen – aus und vorbei. Mit meinen Worten: Hätte Rudolf Diesel seinen Kumpel Gottlieb Daimler ständig per WhatsApp genervt, dann würden wir heute immer noch Kutsche fahren.

Zwar wird das Ende des Abendlandes mit schöner Regelmäßigkeit verkündet. Das begann ziemlich genau am ersten Abend des Abendlandes, als der erste Wicht Geschichten lieber doch aufschreiben wollte anstatt der damals noch top-modischen mündlichen Überlieferungspraxis Homers zu folgen. Seitdem kamen Schrifttafeln dazu, Papyri, Ziegenhäute und endlich Bücher. Dann jedoch brach sich in den frühen 2000-er Jahren der Medienwandel Bahn. Auf einmal konnte alles in binären Zeichenketten, also Nullen und Einsen, dargestellt werden – das war’s mit einer Kultur des dringlich erwarteten Liebesbriefs, des Telegramms, der buchorientierten Schule.

Soweit die Story vom Medienbruch, hier nun meine Thesen zur vorbildlichen Mediennutzung.

 

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